22. Juli 2026 | Historisches, Personen

Ingrid Mielenz – Die Ausnahmefrau

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Vlnr.: Kerstin Gardill (Stv. Vorsitzende SPD Nürnberg) und Ingrid Mielenz (Sozialreferentin der Stadt Nürnberg a.D.)

Zweimal konnte ich bis jetzt ausführlich mit ihr sprechen – sprechen mit der Frau, die 1986 als erste Frau in die Nürnberger Stadtspitze gewählt wurde, sprechen mit der Frau, die 18 Jahre lang eine prägende Sozialreferentin in Nürnberg gewesen war, und die bereits schon vorher, zu ihrer Berliner Zeit, eine Ausnahmefrau gewesen ist – wie ihr Ehemann Dieter Kreft bei unserem ersten Gespräch liebevoll erwähnte.

Eine „Ausnahme“ – im besten Sinne konnotiert – ist tatsächlich Vieles an Ingrid Mielenz, sei es in ihrer Funktion als Politikerin, oder einfach „nur“ als Mensch.

Es schlägt mir direkt eine harmonische und freundliche Atmosphäre entgegen, als ich zum ersten Mal die geräumige und lichtdurchflutete Wohnung von Ingrid Mielenz und Dieter Kreft in der der Nürnberger Nordstadt betrete. Bei Bionade und Zigaretten sprechen wir über zwei Stunden lang intensiv über Ingrids Werdegang. Schnell wird uns klar, dass das nicht unser letztes Gespräch sein wird und verabredeten uns ein weiteres Mal.

„Ich habe lieber gemacht, als mich in die erste Reihe zu stellen“
Während unserer beiden Gespräche wurde mir sehr rasch klar: Vor mir sitzt eine Frau, die sämtliche regionalen und überregionalen Funktionen in der Kinder- und Jugendhilfe inne hatte und in diesem Bereich so gut wie alles gemacht hat, was möglich war. Vor mir sitzt außerdem eine Frau, die eine bundesweite Expertin im Bereich der Sozialen Arbeit und der Wohlfahrtspflege war und immer noch ist. Eine Frau, die von dem SPD-Kommunalpolitiker Gebhard Schönfelder von Berlin nach Nürnberg geholt worden war, weil ihr schon damals ihr hervorragender Ruf vorauseilte. Eine Frau, die in Nürnberg innerparteilich wie überparteilich die männliche Konkurrenz aufgrund ihrer großen fachlichen Expertise mit einer Leichtigkeit hinter sich ließ.

Im Januar 1987 trat Ingrid Mielenz ihr Amt als Sozialreferentin an und war damit die erste Frau an der Nürnberger Stadtspitze. 18 Jahre sollte ihre Amtszeit andauern, getragen und unterstützt auch und vor allem von den vermeintlichen politischen Gegnern. Repräsentation, das war – nach eigener Aussage – das ihre nicht, auch wenn das Repräsentieren selbstverständlich zu diesem exponierten Amt dazu gehört. Deswegen teilte sie sich ihren Arbeitsbereich auf: Ein Drittel Repräsentation, ein Drittel Büro und ein Drittel draußen bei den Leuten vor Ort unterwegs, um deren Bedürfnisse zu kennen und konkret zu helfen: „Ich habe lieber gemacht, als mich in die erste Reihe zu stellen“ – das trifft sehr gut zu auf Ingrid Mielenz, als Mensch und als Politikerin. Nicht überraschend also, dass so mancher Wegbegleiter von einer „Ära Mielenz“ und von einem „Glücksfall für Nürnberg“ spricht.

„Die einflussreichste Frau Frankens“
Gleich zu Beginn, nur 14 Tage nach Amtsantritt, musste sich die neue Sozialreferentin bewähren. In der Schlüsselfelder Straße explodierte damals ein Wohnhaus, weil ein Mieter die Gasleitung angezapft hatte, nachdem ihm die Heizung wegen Zahlungsrückständen abgedreht wurde. Mielenz wird sogleich aktiv, sie begnügt sich nicht mit Worten des Bedauerns oder weiteren Worthülsen. Mielenz verhandelte kurzum mit der EWAG
(heute N-ergie) und erreichte eine Sonderregelung für Sozialhilfeempfänger: Das Energieunternehmen informierte ab diesem Zeitpunkt das Sozialreferat über größere Zahlungsrückstände, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Ihre Krisenfestigkeit hat sie damit innerhalb von kürzester Zeit bewiesen.

Siebzehn Sparhaushalte sollten in den darauffolgenden Amtsjahren folgen – die Bilanz der Ära Mielenz in Nürnberg ist nichts destotrotz beachtlich: Unter ihrer Führung gründete sich das Magazin „Straßenkreuzer“. Ein Magazin für Menschen in sozialer Not, dessen Vertriebsstruktur so ausgerichtet war und ist, dass Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, das Magazin verkaufen und viel Positives aus dieser Tätigkeit ziehen können. Auch das Magazin „66“ war eine Idee von Mielenz, für dessen erste Ausgabe der Schlagersänger Udo Jürgens sogar ein Grußwort schickte. Sie rief die NOA, Noris-Arbeit gemeinnütziger Beschäftigungs-GmbH der Stadt Nürnberg ins Leben, sie ordnete den Allgemeinen Sozialdienst neu und auch das Nürnberg-Stift wurde in ihrer Amtszeit geschaffen. Ebenfalls rief sie den Stadtseniorenrat ins Leben und gründete das Seniorenamt – auch die Pflegekonferenz und die Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendtreffs Klüpfel entstanden auf Initiative der Sozialreferentin. Diese Liste könnte noch endlos weitergeführt werden, würde aber diesen Rahmen hier sicherlich sprengen. Es verwundert aufgrund der vielen Initiativen aber nicht, dass die „Nürnberger Abendzeitung“ bereits im Jahr 1990 Ingrid Mielenz zu den zehn einflussreichsten Frauen Frankens zählte, gemeinsam mit Quelle-Chefin Grete Schickedanz, der späteren Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und Ursula Engelen-Kefer, ehemalige stellvertretende DGB-Vorsitzende.

Als Renate Schmidt zur Bundesfamilienministerin berufen wurde, wollte Schmidt Ingrid Mielenz als ihre Staatssekretärin mit nach Berlin nehmen. Politische Ränkespiele in der Hauptstadt verhinderten das – zum Glück, für Nürnberg.

Glückwünsche und Dank
Liebe Ingrid, im wahrsten Sinne des Wortes, bist Du eine Ausnahmefrau. Im Namen der gesamten Nürnberger SPD, wünsche ich Dir alles, alles Gute zu Deinem 80. Geburtstag, verbunden mit einem großen Dank für Deine wertvolle und prägende Arbeit, die Dich für Viele zum Vorbild macht. Bleib genauso wie Du bist.

Biographisches
Ingrid Mielenz wurde am 13. September 1945 in Berlin geboren. Nach ihrem Abitur studierte sie Soziologie, Volkswirtschafts-, Betriebslehre und Arbeitsrecht an der Freien Universität Berlin, mit anschließendem Regierungsreferat (Staatsexamen) beim Land Berlin. Von 1974 bis 1986 (seit 1977 Leitung) war sie in der Planungsgruppe beim Senator für Familie und Jugend tätig, mit dem Schwerpunkt auf Kindertagesstättenplanung, Berufliche Bildung, Wohnen und Stadtsanierung. Von 1997 bis 2005 war sie Berufsmäßige Stadträtin für Jugend, Familie und Soziales in Nürnberg. Mielenz hatte mehrere bundesweite Ämter inne und erhielt zahlreiche Preis, unter anderem den Hermine-Albers-Preis (Deutscher Jugendhilfepreis). Sie war des Weiteren Mitglied der Sachverständigenkommission des 8. Jugendberichts, war Vorsitzende des Bundesjugendkuratoriums und langjährige Lehrende an verschiedenen Hochschulen. Mielenz veröffentlichte zahlreiche Publikationen im Bereich der Sozialen Arbeit und war Herausgeberin des Wörterbuchs für Soziale Arbeit.

Anmerkungen der Autorin
Eine ausführliche Würdigung des Menschen und der Politikerin Ingrid Mielenz, auch in Bezug auf ihre bundeweiten Tätigkeiten, folgt im Jahr 2026, anlässlich des 160igsten Geburtstages der Nürnberger SPD.

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Kerstin Gardill

Stellvertretende Vorsitzende der SPD Nürnberg

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