13. Juli 2026 | Parteileben, Politik

„Vom protestantisch geprĂ€gten Edel-Linken zum SPD-Konservativen“ - Harry Riedel ĂŒber seinen Weg zur SPD, den NĂŒrnberger Neuanfang nach 1996 und die Frage, warum die Sozialdemokratie ihre Verankerung in der Mitte verloren hat

Kein Alt-Text zur VerfĂŒgung gestellt.

Er war Wahlkampfstratege, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der SPD-Fraktion, Stadtrat und schließlich 15 Jahre lang KĂ€mmerer der Stadt NĂŒrnberg: Harry Riedel hat die Entwicklung der NĂŒrnberger SPD ĂŒber drei Jahrzehnte hinweg aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt und mitgestaltet. Im GesprĂ€ch erinnert er sich an politische PrĂ€gungen zwischen evangelischer Jugendarbeit und linkem Idealismus, an den Neustart der NĂŒrnberger SPD nach der Wahlniederlage 1996, an die Ära Ulrich Maly – und an die Herausforderungen der Sozialdemokratie heute. 

Interview: Kerstin Gardill

 

Kerstin Gardill: Harry, wenn man mit dir spricht, merkt man schnell: Politik hat dich schon sehr frĂŒh interessiert. Woher kam das?

Harald Riedel: Bei uns zu Hause wurde tĂ€glich ĂŒber Politik am Esstisch diskutiert. Ich habe dann mit 13 angefangen, den Spiegel zu lesen und mich auch  sehr fĂŒr Zeitgeschichte interessiert. Aufgewachsen bin ich in St. Johannis, geboren in der Klinik Hallerwiese. Mein Vater war Diakon und eher konservativ, meine Mutter kam aus einer Facharbeiterfamilie und hat SPD gewĂ€hlt.   Insgesamt war ich stark protestantisch geprĂ€gt, war in der Kirchengemeinde aktiv und habe eine Jugendgruppe geleitet.

Gardill: Und trotzdem bist du nicht sofort Sozialdemokrat geworden?

Riedel: Nein, ĂŒberhaupt nicht. (lacht) SpĂ€ter habe ich am WillstĂ€tter-Gymnasium Uli Glaser kennengelernt, den Sohn von Hermann Glaser. Uli war damals schon politisch sehr klar unterwegs und meinte frĂŒh zu mir: „Du gehörst eigentlich in die SPD.“ Ich habe mich dagegen aber lange gewehrt.

Gardill: Warum?

Riedel: Wahrscheinlich, weil ich damals meinen eigenen Weg finden wollte. Als ich aus der kirchlichen Jugendarbeit raus bin, wollte ich mich nicht gleich wieder woanders binden und bin dabei zunĂ€chst  – etwas zu weit links abgebogen. Ich wurde zu einem klassischen „Edel-Linken protestantischer Herkunft“.

Gardill: Und dann kam Oskar Lafontaine.

Riedel: Genau. Ich war damals beruflich in MĂŒnchen. Als ich meine Mutter in NĂŒrnberg besucht habe, lief neben dem Kochen der SPD-Bundesparteitag im Fernsehen. Lafontaine hielt seine berĂŒhmte Rede – und die hat mich wirklich beeindruckt. Danach habe ich Uli Glaser angerufen. Und kurz darauf den Mitgliedsantrag unterschrieben. Das war 1995.


„ZurĂŒck zur Vernunft“

Gardill: Ein Jahr spĂ€ter wurdest du GeschĂ€ftsfĂŒhrer der SPD-Stadtratsfraktion – als direkter Nachfolger von Uli Maly. Keine einfache Zeit fĂŒr die NĂŒrnberger SPD.

Riedel: Nein, ĂŒberhaupt nicht. Die Wahlniederlage 1996 war hart. Aber im Nachhinein war entscheidend, wie die Partei darauf reagiert hat. Es gab eben nicht das große Köpferollen. Stattdessen hat man versucht, geordnet und vernĂŒnftig einen Neuanfang hinzubekommen.

Gardill: Du hast im GesprĂ€ch gesagt: „ZurĂŒck zur Vernunft.“

Riedel: Ja, weil das damals tatsĂ€chlich die Stimmung war. Die NĂŒrnberger SPD hat sich wieder stĂ€rker zur gesellschaftlichen Mitte orientiert. Weniger belehrend, weniger ideologisch. SpĂ€ter hat Uli Maly dann den Begriff der „Solidarischen Stadtgesellschaft“ geprĂ€gt. Das war ein wichtiger Prozess.

Gardill: Wer hat diesen Prozess getragen?

Riedel: In der Fraktion maßgeblich Gebhard Schönfelder. In der Partei hat  Reiner Prölß als Stv. Vorsitzender mit GĂŒnter Gloser und Gabriela Heinrich  diese Neuaufstellung sehr strukturiert gestaltet. Aber wesentlich war dann natĂŒrlich  Uli Maly.


„Wahlkampf und Kandidat wurden eins“

Gardill: 2002 gewinnt die NĂŒrnberger SPD mit Uli Maly die OberbĂŒrgermeisterwahl. Was war damals anders?

Riedel: Uli Maly verkörperte diesen Neuanfang perfekt: jung, sympathisch, fachlich hochkompetent. Eine neue Generation mit einem neuen Stil. Weg vom steifen Auftreten, hin zu Offenheit und Miteinander. Uli konnte alle mitnehmen, die in einer modernen Stadtgesellschaft wichtig sind: traditionelle bĂŒrgerliche Schichten, junge Familien, NĂŒrnbergerInnen mit Migrationshintergrund bis hin zu vielen Randgruppen.

Gardill: War das strategisch geplant?

Riedel: Es ist seit 1996 gewachsen, dann war es auch gemeinsame Strategieplanung.  Das Besondere war: Es hat alles ineinandergegriffen. Wahlkampf und Kandidat wurden eins. Wir hatten eine klare Aufgabenverteilung, starke Ortsvereine, eine eigene Wahlkampfagentur – das war schon ein GlĂŒcksfall.

Gardill: Du sprichst von einem „GlĂŒcksfall“.

Riedel: Ja,  auch das persönliche Zusammenspiel. Das Dreigestirn aus Uli Maly als OB-Kandidat, Gebhard Schönfelder als Fraktionsvorsitzender und GĂŒnter Gloser als Parteivorsitzender hat professionell und gleichzeitig freundschaftlich agiert. Das war ein enormer Erfolgsfaktor.


Agenda 2010 und die Spaltung der Sozialdemokratie

Gardill: Du gehörtest damals zu den UnterstĂŒtzern der Agenda 2010.

Riedel: Ja. Mich faszinierte der Gedanke, die klassische Arbeiter-SPD mit einer modernen Reformkraft zu verbinden.  Es ging damals schon um die Themen, die uns heute immer noch beschÀftigen: ein funktionierender, effizienter Staat, der Erhalt des Industriestandortes Deutschland und die Sicherung unseres Sozialstaats, Man darf auch nicht vergessen: wir hatten fast 5 Millionen Arbeitslose und waren an der Regierung, Nichtstun war eigentlich keine Option.

Gardill: Gleichzeitig hat die Agenda die SPD tief gespalten.

Riedel: Definitiv. FĂŒr die einen waren das notwendige Modernisierungen. FĂŒr andere ein Verrat an der Arbeiterbewegung. Diese Spaltung wirkt bis heute nach.

Gardill: Und Schröders Neuwahlen 2005?

Riedel: Die HerbeifĂŒhrung von Neuwahlen zu diesem Zeitpunkt war aus meiner Sicht ein Fehler, Merkel hat ihre Chance clever genutzt. Und unsere SPD leidet bis heute unter den Folgen.


„KĂ€mmerer in Heimatstadt NĂŒrnberg als Traumjob“

Gardill: 2008 wirst du KĂ€mmerer der Stadt NĂŒrnberg. War das dein Traumjob?

Riedel: TatsĂ€chlich ja. Als Volkswirt den Haushalt in meiner Heimatstadt zu steuern, war eine große Ehre. Ich war auch gern Verwaltungsmanager und habe parteiĂŒbergreifend an Lösungen mitgearbeitet.

Gardill: Was zeichnet einen guten KÀmmerer aus?

Riedel: Die Position ist ein Scharnier zwischen Politik und Verwaltung. Es ist ein Strategie-, Planungs- und Umsetzungsjob zugleich. Man braucht Überblick, VerlĂ€sslichkeit und Gestaltungskraft.

Gardill: Du beschreibst die 15 Jahre als gute Zeit.

Riedel: Insgesamt schon. Anfangs brachen durch die Finanzmarktkrise 2009 zwar die Steuereinnahmen ein, aber danach ging es bis Corona aufwĂ€rts. Es gab  Finanzminister wie SchĂ€uble und Scholz in Berlin, durchaus mit einem Herz fĂŒr die Kommunen. Allein die Übernahme der Grundsicherung im Alter hat die Stadt um zweistellige MillionenbetrĂ€ge pro Jahr entlastet.  Auch der Freistaat Bayern hat geholfen, man muss fairerweise sagen, dass Markus Söder immer ein offenes Ohr fĂŒr NĂŒrnberg hatte. Und die NĂŒrnberger Wirtschaft hat einen erfolgreichen Strukturwandel seit Mitte der Nullerjahre gemacht, die Gewerbesteuereinnahmen sind gestiegen. Dadurch konnten wir massiv investieren.

Gardill: Vor allem in Schulen und Kitas.

Riedel: Genau. Wir konnten immerhin beginnen, den Investitionsberg Schritt fĂŒr Schritt abzutragen und damit  die NĂŒrnberger Infrastruktur zukunftsfĂ€hig zu machen.


„Eine funktionierende Verwaltung ist entscheidend“

Gardill: SpÀter kamen zur KÀmmerei auch Personal, Organisation und IT hinzu.

Riedel: Und das waren hochspannende Bereiche. Letztendlich sind fĂŒr eine Dienstleistungsorganisation wie die Stadtverwaltung die MitarbeiterInnen mindestens genau so wichtig wie die Finanzen. Und die QualitĂ€t digitaler Organisationsprozesse ist entscheidend fĂŒr die Leistungserbringung. Gerade hier konnte NĂŒrnberg im letzten Jahrzehnt viel voranbringen. NĂŒrnberg wurde zuletzt ĂŒberregional als positives Beispiel genannt, wie KI sinnvoll in der Verwaltung eingesetzt werden kann.

Gardill: Verwaltung klingt fĂŒr viele Menschen eher trocken.

Riedel: Dabei ist sie extrem wichtig. Eine funktionierende Verwaltung entscheidet ganz wesentlich darĂŒber, ob Menschen Vertrauen in ihre Stadtregierung haben oder nicht.

Gardill: Auch schwierige Entscheidungen scheinen in deiner Amtszeit oft gerÀuschlos gelungen zu sein. Etwa die Erhöhung der Gewerbesteuer.

Riedel: Das lag viel am vorhandenen Vertrauen zwischen Rathaus und Unternehmen.


„Die SPD muss wieder in die Mitte der Gesellschaft“

Gardill: 2020 verliert die NĂŒrnberger SPD knapp die OberbĂŒrgermeisterwahl. Wie blickst du heute darauf?

Riedel: Es war eine sehr unglĂŒckliche Niederlage. Thorsten Brehm hat extrem knapp verloren. Gleichzeitig waren die bundespolitischen RĂŒckenwinde fĂŒr die SPD schwach.

Gardill: Heute scheint die Lage noch schwieriger.

Riedel: Ja, leider. Die Frage ist:  Wo ist etwas falsch gelaufen? Die SPD hat zu vielen gesellschaftlichen Gruppen die Anbindung verloren. Das sieht man inzwischen auch in der Mitglieder- und MandatstrĂ€gerstruktur sowie an unseren Wahlergebnissen in den bĂŒrgerlichen Außenbezirken der Stadt.

Gardill: Was bedeutet das konkret?

Riedel: Zum Beispiel hatten wir vor 30 Jahren in der SPD-Rathausfraktion noch mehrere Handwerksmeister und Sportvereinsvorsitzende. Die haben uns dann schon mal den Kopf gewaschen, wenn sich die Fraktion in ihren Diskussionen zu weit von den realen Problemen der arbeitenden Mitte entfernt hat.

Gardill: Was mĂŒsste die SPD tun?

Riedel: Die SPD war immer dann stark, wenn sie die bĂŒrgerliche Mitte in ihrer Lebenswirklichkeit angesprochen hat – mit Wirtschaft, Arbeit und Lebenshaltungskosten oder Sicherheit und Sauberkeit auf der lokalen Ebene. Vor Ort zeigt die SPD ja , dass sie noch erfolgreich sein kann. Auch in NĂŒrnberg gibt mir das gute Stichwahlergebnis unseres BĂŒrgermeisters Nasser Ahmed und der Neuanfang im Rathaus  durchaus Anlass zur Hoffnung.

 

Mehr Erfahren

11. Juni 2025 | OV Gartenstadt, Parteileben

Ein Bravo fĂŒr Lia Sommer – Feier fĂŒr ein Lebenswerk – 44 Jahre Seniorenbegegnung in der Gartenstadt

Sie ist Sozialdemokratin, ehemalige StadtrĂ€tin und dreifache Mutter. Außerdem ist die bald 88-jĂ€hrige Lia Sommer die Mutter der Gartenstadt. So nennen sie viele liebevoll. Denn in der Gartenstadt kĂŒmmert sich Lia seit Jahrzehnten um Senioren. 

weiterlesen
Kein Alt-Text zur VerfĂŒgung gestellt. Bild: SPD NĂŒrnberg
25. MĂ€rz 2025 | Jusos, Kommunalwahl'26

Mission: NĂŒrnberg wieder rot machen!

Frischer Wind in die Fraktion: Jusos in den Stadtrat! Unsere Juso-Kandidat*innen fĂŒr die Stadtratswahl 2026

weiterlesen
Kein Alt-Text zur VerfĂŒgung gestellt. Bild: SPD NĂŒrnberg
27. Oktober 2025 | Themen

NĂŒrnberg schaut hin und ĂŒbernimmt Verantwortung!

Am 30. April 2025 war es soweit:
Die erste „Orange Bank gegen Gewalt an Frauen“ wurde – im Rahmen einer weltweiten Aktion – auf öffentlichem Grund am Westbad NĂŒrnberg mit BĂŒrgermeister Christian Vogel feierlich eingeweiht.

Ein starkes Zeichen gegen Gewalt – und fĂŒr Sichtbarkeit, Mut und SolidaritĂ€t.

weiterlesen
Kein Alt-Text zur VerfĂŒgung gestellt.